Sonntag, 12. November 2017

Megaösophagus und Trockenfutter



Industrielles Haustierfutter ist hochprofitabel, weil es größtenteils aus Müll hergestellt wird. 

Es kommt rein, was sonst entsorgt werden müsste: Hühnerfedern, altes Bratfett, usw., usf. 

Alles schlimm genug, doch es geht noch schlimmer, wie man spätestens seit dem Melamin-Skandal weiß. 

Das zeigt erneut ein Vorfall mit schweren bis tödlichen Erkrankungen bei Hunden in Lettland.

Laut engagierten Veterinären besteht ein starker Zusammenhang mit einem bestimmten Trockenfutter


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Eine befreundete Tierärztin berichtete der Veterinärpathologin Dr. Ilze Matise-VanHoutana, dass sie auffallend viele Fälle von Megaösophagus sehe und dass diese Hunde alle das gleiche Trockenfutter bekommen hatten.

Nach Angaben von Matise-VanHoutana werden in Lettland normalerweise jährlich etwa zehn Fälle von Megaösophagus diagnostiziert.

In den Jahren 2014 bis 2016 schnellte diese Zahl auf gut 100 Fälle pro Jahr empor, mit einer Todesrate von rund 25 Prozent. 

Die Nervenschäden (Polyneuropathie), die die Pathologin in ihrem Labor feststellte, legten den Verdacht auf ein Toxin nahe. 

Zunächst vom Landwirtschaftsministerium unterstützt, untersuchte sie zusammen mit anderen Fachleuten, um welches Gift es sich handeln könnte. Die üblichen Verdächtigen waren bald ausgeschlossen - Blei, Thallium, Pestizide u. a. m. 

Doch dann gab es vom Ministerium keine weiteren Forschungsmittel mehr. Das Thema war den Politikern offenbar zu heikel. 

Sicherlich war es ein purer Zufall, dass der Hersteller der Partei des Ministers eine Spende rübergeschoben hatte. 

Und sicherlich verteidigte der Minister - offenbar auch sonst eine umstrittene Figur - im Sommer 2016 gegenüber dem lettischen Sender LTV das Futter aus reiner Überzeugung. 


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Viele lettische Medien griffen das Thema auf. Das erwies sich als hilfreich, als Matise-VanHoutana und ihre Mitstreiter sich entschlossen, öffentlich Spenden für ihre Untersuchungen zu sammeln (Crowdfunding). Binnen eines Monats kamen gut 31.000 Euro zusammen, wie sie in einem TEDx-Vortrag (in Englisch) berichtet. 

Mittels einer Fall-Kontroll-Studie zeigten die Forscher, dass die Fütterung mit einem bestimmten Trockenfutter ("dog food D") bei den Hunden das Risiko, an einem Megaösophagus zu erkranken, um mehr als das Hundertfache erhöhte

Die Werte seien "off the charts" gewesen, so die Pathologin. 

Ein derart hoher Faktor berechtige zu der Annahme, dass keine bloße Korrelation vorliege, sondern eine kausale Beziehung. 


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Viele Hundehalter kauften das verdächtige Futter nicht mehr, der Absatz schrumpfte stark, und zugleich sank die Zahl der Megaösaphagusdiagnosen fast wieder auf das vorherige Niveau. 

Laut Matise-VanHoutana wurden sie, andere Veterinäre und sogar Hundehalter (!) vom Futterhersteller mit einer Schadenersatzklage von rund 500.000 Euro bedroht, weil sie den Verdacht öffentlich gemacht hatten. 

Die Klage gegen die Tierhalter wurde inzwischen zurückgenommen. Die gegen die Veterinäre jedoch nicht, wie die Pathologin auf Anfrage berichtete. Das Gericht habe die Verhandlung, die ursprünglich diesen Monat beginnen sollte, auf Anfang April 2018 verschoben.


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Im August dieses Jahres berichtete der Sender LTV, in der Futtersorte "Dogo Poultry" sei laut der Lebensmittel- und Veterinärbehörde PVD Harnstoff (Urea) entdeckt worden. Der Hersteller habe 31 Tonnen davon aus dem Verkehr gezogen und den Hundehaltern geraten, es nicht mehr zu verfüttern. 

Im Oktober hieß es jedoch, die zwei von der PVD beauftragten ausländischen Labore hätten fehlerhafte Resultate geliefert. 

Die Veterinäre um Matise-VanHoutana hatten das Futter 2016 ebenfalls untersuchen lassen, und zwar in einem US-Labor. Es sei zumindest in einigen Produktionschargen Urea enthalten gewesen. 

"Aber Harnstoff ist kein Nervengift, das Polyneuropathie und Megaösophagus verursachen kann", so die Pathologin. 


Harnstoff ist in Europa in Hunde- und Katzenfutter nicht erlaubt. Für Katzen und Hunde ist Harnstoff allerdings erst in sehr hoher Konzentration giftig. 

Beigemischter Harnstoff lässt bei der Analyse den Proteingehalt in Tierfutterzutaten höher erscheinen, als er tatsächlich ist. 

Ähnlich war es beim Melamin-Skandal: Durch Beimischung dieser Chemikalie hatten chinesische Lieferanten den Proteinanteil ihres Weizenglutens künstlich erhöht. 

In Futtermitteln für Rinder ist Urea - in relativ geringer Konzentration - in der EU legal, weil Rinder im Pansen daraus Aminosäuren bilden können.


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Bis jetzt ist noch nicht ermittelt, ob Gift in diesem Hundetrockenfutter enthalten war (oder noch ist) und wenn ja, welches.

Die Fall-Kontroll-Studie und die Tatsache, dass die Erkrankungszahlen inzwischen wieder fast normal sind, deuten jedenfalls sehr stark darauf hin, dass die Erkrankungen mit dem Futter zu tun haben. 

Vielleicht wird die Sache nie vollständig aufgeklärt


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Trust me, I'm a pet food manufacturer. 



PS: Lettland nimmt auf der Korruptionsskala von Transparency International einen mittleren Rang ein - schlimmer als Deutschland, aber auch nicht so schlimm wie etwa Somalia. 


©trockenfutter-katzen.blogspot.de/

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